Harry Froboess

 

Showakrobat, Sensationsdarsteller und Filmstuntman

Das phantastische Leben des

In über 400 Filmen soll er mitgewirkt haben, als Double und Stuntman für die Stars. Keine Brücke, kein Turm war ihm zu hoch, um sich von dort in die Tiefe zu stürzen. Er stieg vom fahrenden Zug in ein Flugzeug um und dann weiter in den Fesselballon. Der Jahrtausendsprung aus 110 Metern aus einem Zeppelin in den Bodensee wurde sogar ins Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen und gilt bis heute als unübertroffen.

Harry war aber noch mehr, als nur der unbekannte Stuntman, der für die Stars sein Leben riskierte oder in der Manege und bei seinen Sensationssprüngen die Zuschauer begeisterte. Er war auch Künstler, Filmer, Buchautor - und vor allem ein sehr sympathischer Mann. Wo auch immer er hinkam, wurde er mit offenen Armen empfangen. Ein Stamm der Navajos ernannte ihn sogar zum Ehrenhäuptling.

So phantastisch sein Leben und seine Arbeit auch klingen, heute - 25 Jahre nach seinem Tod - kennt ihn kaum noch jemand. Selbst im Zeitalter des Internets scheint wenig über Harry bekannt zu sein und das Wenige, das wir dort recherchieren können, stützt sich meist auf Fehlinformationen aus früheren Printmedien.

Das Saartent hat sich daher auf Spurensuche begeben und ist im Schweizer Kanton Zug fündig geworden. In einem Keller schlummerten noch kistenweise persönliche Briefe, Fotoalben, Artikel und Dokumente aus dem Nachlass von Harry Froboess. Ca. 2500 Einzelnachweise waren nahezu vergessen, aber durch einen glücklichen Umstand nicht vernichtet. Jetzt ist die Sammlung im Saarland und die Auswertung zeigt, dass Harry wahrlich ein phantastisches Leben lebte.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Baar, in der Schweiz. Dort zumindest kennt man ihn noch. Mit seinen spannenden und interessanten Berichten und Diashows brachte Harry in den 1970er bis Anfang der 1980er Jahre ein Stück Hollywood in den Ort. Er konnte die tollsten Geschichten erzählen und fesselte damit seine Zuhörer, ob alt oder jung. Er war eben ein richtiger Showman und das Showgeschäft sein Leben.


 

Harry Froboess wurde am 23.10.1899 in Dresden geboren. Seine Mutter habe einen Schwimmer aus ihm machen wollen, sein Vater einen Turner. So sei er schon in ganz jungem Alter eben beides geworden. Sehr früh entwickelte er seine Spezialität, von immer höheren Brücken und Türmen ins Wasser zu springen. Eine Sensation jagte die andere und es verwundert daher nicht, dass man ihn für den Film engagierte – als Stuntman für die immer rasanter und sensationsträchtiger werdenden Filme der damaligen Zeit. Für „Das Cabinet des Dr. Caligari“ stand er ebenso unter Vertrag, wie für die in Deutschland sehr erfolgreich gelaufenen Filme der Harry Hill Serie mit Valy Arnheim und Marga Lindt. In „Der blaue Engel“, mit Marlene Dietrich, war er beschäftigt und unter Ernst Lubitsch wirkte er in einem Film mit Maurice Chevalier und Claudette Colbert mit. Das Autogramm Chevaliers von 1931 hat er bis zuletzt aufbewahrt.

Vorne rechts: Harry Froboess  

Vom Brücken- und Turmspringer zum Sensationsdarsteller an der Seite zahlreicher Stars. Eine beachtliche Karriere und doch eine Karriere im Verborgenen, denn vom Stuntdouble durfte man nichts erfahren, um die Illusion des Helden des Films nicht zu zerstören. So ist nur für wenige Filme die Mitwirkung von Harry Froboess verzeichnet, der immerhin an 412 Filmen beteiligt gewesen sein soll.

Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm sei auch an ihm nicht vorbeigegangen, denn Filme, die vor allem auf aufwendige Stunts setzten, seien zunächst nicht mehr gefragt gewesen. So zumindest schreibt es Harry in seinen Büchern und das sei auch der Grund gewesen, warum er sich nach etwas anderem umgesehen habe und schließlich Artist wurde. Tatsächlich war er vor und während der Filmengagements eigentlich nichts anderes, wenn er bei diversen Wassershows teilnahm und sich aus Schwindel erregender Höhe in die Tiefe stürzte. Möglicherweise sind zu diesem Zeitpunkt jedoch seine Luftartistennummern entstanden, die er später noch weiterentwickelte, bis er „The Swaying Marvel“ wurde. Als Artist ist er um die Welt gereist, ob mit seinen Auftritten in luftiger Höhe, als Wasserspringer oder als menschliche Kanonenkugel. 

Zu seinen Hobbys gehörte das Zeichnen. Seine Bilder waren sehr realistisch, meist mit einer Gegenüberstellung verbunden. Sogar Senator Robert Kennedy war im Besitz eines seiner Werke, wie ein persönliches Dankesschreiben belegt. Auch in einer späteren TV-Dokumentation hat man Harry durchaus zugetraut, statt als Stuntman, als Künstler Karriere gemacht zu haben.

    

Aber das Metier des Harry Froboess war vor allem das Wasser. Von 1913 liegt eine Siegerurkunde vor, nach der er den ersten Preis im Knabenspringen gewann, der frühste Beleg für seine Meisterschaftsspringen. Und auch in späteren Jahren war er stets dem Wasser verbunden, fungierte als Rettungsschwimmer und Bademeister in seiner zwischenzeitlichen Heimat Santa Fe und unterstützte noch bis zuletzt den Nachwuchs im Schwimmverein in Baar/Schweiz, wo er sich zur Ruhe gesetzt hatte.

 
Ihm wurden zahlreiche Ehrentitel zuteil, wie etwa „Colonel, Aid-De-Camp“, der ihm in Santa Fe, im Staate New Mexico verliehen wurde und er wurde sogar zum Ehrenhäuptling „Za-ha-la-nii“ der Navajo in Ganado, Arizona ernannt. Harry führte eben ein phantastisches Leben und es scheint, als konnte er hinkommen, wohin er wollte, man nahm ihn gleich mit offenen Armen auf. Meist an seiner Seite: seine Ehefrau Hertha, mit der er 49 Jahre verheiratet war und die ebenfalls eine beachtliche Showkarriere hatte.
 
 

Trotz des Vagabundenlebens eines Artisten, der mehrfach die Welt umreiste, hielt er Kontakt zu seiner Familie in Deutschland, die er auch besuchte, wenn es ihm möglich war, beispielsweise in Hamburg. Der Kontakt zu Vertrauten und der Familie war ihm seit jeher wichtig.

Aber zurück zum Film:Trotz aller artistischer Leistungen, die Harry vollbrachte, war der Film das Medium, das in aller Welt die größte Anziehungskraft genoss – und das ist auch heute noch so. Nach dem nur kurzen Desinteresse der Filmindustrie an actionreichen Filmen, gab es auch im Tonfilm wieder Aufträge für Stuntmen. Aus der Historie betrachtet war der Markt nie verschwunden, aber vielleicht gab es im Übergang zum Tonfilm tatsächlich ein paar Anfragen weniger für Harry. Schon Anfang der 1930er Jahre war er wieder für Josef von Sternberg und Ernst Lubitsch tätig und sein Artistenleben hat sich in den folgenden Jahren mit dem des Filmstuntman abgewechselt. 1954 war er beispielsweise in einem Film mit Marilyn Monroe und Robert Mitchum beschäftigt. Nicht sein letzter Film.

Die Schweizer Jahre:

Ende der 1960er Jahre zog es Harry Froboess zurück nach Europa. Er war mittlerweile Amerikanischer Staatsbürger, aber für seinen Lebensabend beschloss er, zurückzukehren. Allerdings landeten er und seine Frau nicht in Deutschland, sondern im Schweizer Kanton Zug, wo sie sich unmittelbar heimisch fühlten. Harry war da bereits in der zweiten Hälfte seiner 60er. Als Rente bezog er weniger als 400 USD, denn von seinen früheren Aktivitäten in Deutschland, etwa für die Ufa, wurde ihm von der Deutschen Landesversicherungsanstalt nichts angerechnet. Mit 88 Monaten Versicherungszeit war die Wartezeit für den Bezug von Altersruhegeld nicht erfüllt. So steht es in dem Dokument. Harry musste sich also einschränken oder sich etwas einfallen lassen. Schon früher hatte er für den Amerikanischen Markt Bücher geschrieben, unter anderem über sein Leben. Und so schrieb er auch für den deutschsprachigen Raum seine Biographie, die 1969 unter dem Titel „Glücklich überlebt“ veröffentlicht wurde. Es ist ein ausgesprochen lebhaftes und spannendes Buch, das sich sehr leicht lesen lässt und den Leser in seinen Bann zieht. Um die Werbetrommel zu rühren, ließ sich Harry etwas Einzigartiges einfallen: zu seinem 70. Geburtstag und zur Veröffentlichung des Buches wollte er von einem Helikopter 40 Meter tief in den Zürichsee springen. Und er sprang!

Alleine wie er auf den Kufen des Helikopters saß und sich in die Höhe hieven ließ - und daran lassen die Filmaufnahmen keinen Zweifel - zeigt den Showman, der er war. Der Sprung hat ihm in der Schweiz und insbesondere in seiner neuen Heimat Baar viel Anerkennung eingebracht.  
Als seine Frau Hertha 1975 starb, zog er in eine Altersresidenz. Ruhig wurde es um ihn dennoch nicht, denn Harry war ein Lebemann, der sich nie aufgab.

Sein Buch ließ er Anfang der 1980er, etwas abgeändert, noch mal von einem anderen Verlag auflegen und das Fernsehen interessierte sich für seine Geschichte. Zudem stand er weiter mit engeren und entfernteren Verwandten in Kontakt, unterstützte den Nachwuchs im Schwimmverein und hielt sich bis zuletzt in Form.

 
 
Am 12.1.1985 starb Harry Arias Froboess im Alter von 86 Jahren
 
- Stuntman aus Leidenschaft -
 
 


Ein paar Fragen bleiben noch...

Wir sind auf den Namen „Harry Froboess“ gestoßen, weil ein bekanntes Kinomagazin Mitte der 1980er Jahre ein Special über Stuntmen veröffentlichte. Darin abgebildet war ein Foto, auf dem er angeblich als Double von Stan Laurel zu sehen sein soll. Das gab uns Anlass zur weiteren Recherche und es stellte sich heraus, dass das Bild keineswegs aus einem Stan Laurel- oder Laurel & Hardy Film stammte. Aber das Interesse war geweckt. Tatsächlich kokettierte Harry Froboess in einem seiner Bücher damit, Stan & Ollie begegnet zu sein. Schriften aus seinem Nachlass führen sogar Filme auf, in denen er Stan gedoubelt habe und zahlreiche Zeitschriftenartikel haben das ebenso verbreitet. Einen Beleg gibt es allerdings bislang noch nicht. Offenbar bewiesen ist jedoch, dass er zumindest an einem Harry Langdon Film mitgearbeitet hat, während seiner Zeit bei Hal Roach. Er war also wirklich dort. Ausgeschlossen ist daher nicht, dass Harry Froboess wirklich auf Stan & Ollie stieß - und wer weiß - vielleicht auch an einem ihrer Filme mitwirkte.

Betrachtet man das Gesamtbild des Harry Froboess,
war er ein wirklicher Showman, Artist und Sensationsdarsteller. 

Zum Showgeschäft gehört aber auch das Schummeln, wie Harry in einer TV Dokumentation einräumte. Es sei schließlich egal, was man macht, wichtiger sei viel mehr, wie man es macht, wie er es gerne beschrieb. Schon als kleiner Junge hat er das Publikum im heimischen Schwimmclub mit Tricks genarrt und fasziniert. Seine Erzählungen über so manche Wassershow decken die Showelemente und Tricks unverblümt auf – mit Absicht, denn das bekräftigt seinen Status als Insider, der er schließlich auch war. Für den Laien wird es allerdings schwierig, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Dazu kommt, dass es allgemeine Praxis im Showgeschäft war, die Biografien etwas zu verändern – oft sogar vom Management oder den Filmstudios, nicht unbedingt vom Akteur selbst – um das Publikum anzuziehen. So wurde Harry kurzerhand zum Olympiasieger erkoren, um seine waghalsigen Vorführungen in der Manege anzukündigen.

Der Sprung aus dem Zeppelin aus 110 Metern ist wohl mehr zur Fiktion zu rechnen und damit zu einer Werbekampagne aus früherer Zeit. Wenngleich das Guiness-Buch der Rekorde diesen Sprung in einigen Ausgaben seit Mitte der 1970er Jahren verzeichnet, hat er wahrscheinlich so nie stattgefunden. Nach unseren Recherchen war die Hindenburg, das Luftfahrtschiff um das es sich immerhin dreht, zu dem angegebenem Datum in den USA und selbst Harry ist erst wenige Wochen zuvor auf einem Schiff aus Hamburg nach New York gereist. Er dürfte also ebenfalls nicht in der Nähe des Bodensees gewesen sein. Darüber hinaus ist in keinen Zeitungs- und Nachrichtenarchiven etwas über diese Sensation zu finden. Eine grandiose Werbekampagne, so darf man mutmaßen, die auch noch bis heute wirkt, wie man den zahlreichen Interneteinträgen entnehmen kann.

Ob in seinen Büchern, Diavorträgen oder persönlichen Berichten, Harry hat es verstanden, seine Leser und Zuhörer zu fesseln – so, wie bei seinen zahlreichen Sensationsdarstellungen. Und auch wenn seine Erzählungen im Laufe der Jahre immer phantastischer wurden, schmälert das keinesfalls seine wirklichen Leistungen.

 

Oben links: Harry mit seiner Frau Hertha - Mitte: Harry in frühen Jahren - rechts: Als Artist in Amerika
Unten: Harry mit waghalsigen Sprüngen für den Film
 
   
 
 Am 23.Oktober wäre er 110 Jahre alt geworden.

Zu seinen Lieblingsanekdoten gehörte eine Begebenheit, die sich zutrug, als er mit Marilyn Monroe unterwegs war. Bei den Dreharbeiten zu „Fluss ohne Wiederkehr“ kehrte er mit seiner Frau, Marilyn und anderen in ein Restaurant ein. Eine junge Dame erkannte die frappierende Ähnlichkeit von Marilyn zur Hollywood Persönlichkeit und sprach sie an:

 
„Sagen Sie mal, werden Sie nicht oft angesprochen,
dass Sie eine kolossale Ähnlichkeit haben, mit Marilyn Monroe?“
 
Und Marilyn hat geantwortet:
 
„Also, Fräulein, kippen Sie nicht um, ich bin Marilyn Monroe.“
 
Harry weiter: „Well, das Fräulein kippte um.“
 

 


 Alle Bilder & Informationen stammen aus dem

Harry Froboess Archiv

des Saartents

Update März 2010
 
Anlässlich des 25. Todetages von Harry Froboess wurde der obige Artikel in umfangreich überarbeiteter Form und mit weiteren Bildern in einer 26-seitigen Gedenkbroschüre herausgebracht.

 

Resonanz von Harrys Freunden, Verwandten und Bekannten:

„Wir danken Ihnen herzlich für die Broschüre, die Sie zum 25.Todestag von Harry Froboess zusammengestellt haben.“

„Herzlichen Dank für die sehr gelungenen Zusammenfassung und Erinnerung an meinen Freund Harry. Kaum zu glauben, dass es bereits 25 Jahren her ist. Weiterhin viel Erfolg bei der Nachforschung. Wenn ich noch auf etwas Neues stoße, lasse ich es gerne wissen.“

„Wir danken Ihnen sehr herzlich für die von Ihnen gesandte Erinnerungsbroschüre "Harry Froboess". Sie haben damit eine wunderbare Arbeit zu seiner Erinnerung geleistet.“

„Die Broschüre ist echt gelungen. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank! Da werden alte Erinnerungen an 'good old Harry' wach.“

„Es ist bemerkenswert, wie viel Arbeit und Effort Sie in dieses Projekt gesteckt haben. Ich gratuliere Ihnen. Nebst Harry’s Buch sind Ihre Beiträge und diese Broschüre für mich schöne Erinnerungsstücke an einen mir sehr lieben Menschen.“ 

„Mit Ihrer Broschüre haben Sie mir eine große Freude bereitet. Sie haben mit großem Eifer an der Biografie meines originellen Onkels gearbeitet und es ist Ihnen gelungen, sein vielfältiges Leben zu würdigen. Er würde sich sicherlich darüber freuen. Herzlichen Dank!“


Oktober 2009
Update: März 2010

One Good Turn, Oasis # 256, Saarbrücken

www.saartent.de

 

 

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